Necronomicon-Schriftzug



Im "Pop-Shop" des Südwestfunk III wurden die 1972 erschienene LP Tips zum Selbstmord und die Gruppe einem größeren Zuhörerkreis vorgestellt, und zwar von Frank Laufenberg.
In einer Besprechung in den "Aachener Nachrichten", geschrieben von Petra Bosetti, hieß es damals:
" Nach dem "Necronomicon", dem Buch, in dem ,alle erdenklichen und unerdenklichen Greuel dieser Erde' (so H. P. Lovecraft) niedergeschrieben sind, hat sich eine Aachener Pop-Gruppe benannt. Necronomicon hat jetzt im Selbstverlag ihre erste LP herausgebracht: "Tips zum Selbstmord". Den Namen Necronomicon versteht die Gruppe programmatisch:
,Wir haben unsere Gruppe nach diesem Namen benannt, weil die Themen, die wir mit unserer Musik behandeln, obwohl sie Realität sind, den fiktiven Greueln des Necronomicon nahe kommen,' Die Themen - das sind: Die Zerstörung der Natur durch die Industrie, die Gleichgültigkeit der meisten diesem Problem gegenüber, der Hunger und das Elend in der Welt, die düstere Zukunft der Erde. Necronomicon beweist mit der LP wieder einmal überzeugend, dass man, sofern man sich mit den Texten Mühe gibt, ohne weiteres auch in deutsch singen kann, ohne dass es fremd oder hölzern klingen muß. Bei Necronomicon ist die Musik nicht nur Träger des Textes, sondern hat Eigenleben. Der Hardrock, der allerdings seine Vorbilder (vor allem Uriah Heep) nicht leugnen kann, wird oft durch interessante Zwischenspiele unterbrochen. Besonders mit originellen Einleitungen hat sich Necronomicon viel Mühe gegeben. Vergleicht man ,Tips zum Selbstmord' mit anderen Eigenproduktionen, so überragt sie diese bei weitem durch die sorgfältige Produktion, die sich in sehr guter Tonqualität und sauberer Spieltechnik äußert. Es ist der Gruppe zu wünschen, dass eine Plattenfirma durch das gelungene Erstlingswerk auf Necronomicon aufmerksam wird."

1990 erschien in einer durchnummerierten und längst vergriffenen Auflage von 500 Stück die Vierer-LP "Vier Kapitel" (Little Wing of Refugees LW 1010/1011/1012/1013). Die dritte der vier LPs enthält "Tips zum Selbstmord" vom Mutterband gezogen, die drei anderen bis dahin unveröffentlichte Aufnahmen von 1971 und 1974. Das ganze ist keine Box, sondern kommt in Gestalt eines Buches. In "Vier Kapitel" heißt es u.a.: " Die Konkurrenz, die innerhalb der Band zwischen Norbert Breuer und Walter Sturm herrschte, erwies sich als produktiv. Der Lovecraft-Verehrer Sturm gab der Band ihren Namen, sein Einfluss machte, dass Necronomicon schweren gitarrenbetonten progressiven Rock spielte. Norbert Breuer brachte den Anspruch ein, politisch Flagge zu zeigen. Necronomicon wurden so Pioniere eines neuen Trends. Sie schmolzen Themen der antiautoritären Bewegung in Rockmusik um, Text und Musik waren gleichberechtigt, die Musik nicht bloß Beiwerk der politischen Message, der es um Chauvinismus ging, um die Vergewaltigung der Menschen durch moderne Architektur, um den nuklearen Overkill, um Smog und ökologische Probleme. Diese Botschaft siedelte auf der Bewusstseinsebene des Protestpotentials der Studentenbewegung und war der Versuch, soziale und politische Probleme plakativ zu benennen, ohne sie theoretisch aufarbeiten zu wollen. Letztendlich setzte sich die Band mit ihrem Konzept zwischen alle Stühle: Das Publikum reagierte befremdet auf die deutsche Sprache, die Presse versuchte, die Musik im Rahmen der damals angesagten Protestsongwelle abzuhandeln und begriff kaum, wo die Unterschiede und der eigentlich neue Ansatz waren: dass es nicht um theoretische Abhandlungen ging, sondern um ziemlich lauten und oft beinharten Rock. Musikalisch setzte Necronomicon weniger auf Virtuosität und Improvisationstalent als auf die Konstruktion immer vielschichtigerer Songarrangements, deren Fundament Walter Sturms Heavyrockgitarre und immer ausgefuchstere Gesangssätze in der Byronschen Tradition waren. Dem Zeitgeist entsprechend wurden die Songs immer länger. Dass Necronomicon nicht nur eine ungewöhnliche Rockband blieb, sondern sich darüber hinaus zu einem künstlerischen Gesamtkonzept entwickelte, ist der Tatsache zu verdanken, dass der Gruppe mit Harald Bernhard ein Künstler zur Verfügung stand, der in der Lage war, den Geist ihrer Musik umzusetzen - die Konzertplakate aus der Zeit, das Promo-Material, das Cover ihrer LP übersetzen den Anspruch der Musik graphisch in das immer wieder variierte Thema des verfügbaren, des geschundenen menschlichen Körpers, und es gibt keine deutsche Gruppe in der Zeit, die sich in dieser eindrucksvollen Weise der ästhetischen Frage der Beziehung von Inhalt und Form stellte wie Necronomicon. Aus den schon erwähnten Gründen wurde die Platte offensichtlich als ärgerlich empfunden: Zwar gab es tatsächlich Airplay in einer Sendung des Südwestfunks. Ein wenig später im SWF 3 ,Pop-Shop' des Rockmusikpapstes Frank Laufenberg mit der Band geführtes Interview endete jedoch desaströs: Der offensichtlich genervte Gesprächsleiter versuchte sich der Musik auf der Ebene eines Soziologieproseminars zu nähern und war daneben genug, eine Diskussion über die exakte Zahl der Weltbevölkerung zu einem Schwerpunkt seiner Sendung zu machen. Wieder anderen Kritikern waren die Texte zu wenig theoretisch fundiert; man reagierte mit betulichem, aber verständnislosem Wohlwollen, und so waren es im nachhinein gesehen erst die Schallplattensammler außerhalb Deutschlands, die die Bedeutung des Konzeptes ,Necronomicon' mit steigender Nachfrage honorierten."

Rund 25 Jahre nach Gründung der Band beschäftigte sich Dag Erik Asbjørnsen in "Cosmic Dreams at Play" (Glasgow 1996) ausführlich mit der Gruppe und widmete ihr fast eine ganze Seite. Auszüge: " Necronomicon machten sich auf, das einzuspielen, was inzwischen das wichtigste Sammlerstück für Käufer des deutschen Progressiv-Rock ist: ,Tips zum Selbstmord'. Nur wenige würden wohl abstreiten, dass dies eine der besten und ungewöhnlichsten deutschen Platten der frühen siebziger Jahre ist. Die düstere Stimmung sowohl der Musik als auch der Worte ist offensichtlich. Es gab durchgehend schneidende Gitarrenläufe, schimmernd-schmerzvollen Gesang, eine garagenmäßige Orgel, die versuchte, sich mit Bach anzulegen, sowie plötzliche Wechsel von Tempo und Stimmung, dazwischen Abschnitte von einfacher gestricktem harten Garagen-Rock. Um bessere Vergleiche heranzuziehen: Stellt Euch die besten Bestandteile der echten Uriah Heep vor mit den lyrischen Fähigkeiten einer Politrock-Gruppe wie Floh de Cologne. Vielleicht ist das die Musik, die Wagner geschrieben hätte, wenn er 1945 noch gelebt und die Bombenangriffe auf Deutschland miterlebt hätte, dann in den Sechzigern ausgeflippt wäre, sich für die Laufbahn eines Rockmusikers entschieden hätte und schließlich jahrelang schlecht draufgekommen wäre angesichts der täglichen Fernsehnachrichten. Die Platte ist wahrscheinlich die meistgesuchte deutsche überhaupt. 1972 erschien dieses Album, von der Band veröffentlicht, das erste Mal. Später gab es auf LP und CD einige Bootlegs; mit dem originalen Cover und über 30 Minuten Bonustracks gibt es nun auf Garden-of-Delights die perfekte Neuauflage des Werkes. Necronomicon gaben sich diesen Namen, weil viele der Themen, die die Band besang, den fiktiven Greueln des Necronomicon nahe kommen. Die 6 Songs der LP sind kraftvoller Hardrock mit Gitarrensoli, wüsten Orgeleskapaden und nicht so ganz leicht ins Ohr gehenden Schreien, die teilweise etwas deplaziert und platt wirken."

Anlässlich der Veröffentlichung der CD "Tips zum Selbstmord" (2004; Garden-of-Delights) wurden in RAGAZZI - Website für erregende Musik CD und Gruppe vorgestellt. Hier ein Auszug aus der Besprechung:
" Walter Sturm (g, voc), Norbert Breuer (g, voc), Fistus Dickmann (org, synth, voc), Bernhard Hocks (b, voc) und Harald Bernhards (dr) waren gute Handwerker, die ihre Instrumente wohl zu bedienen wussten. Es gibt im zweiten Stück einen Chor, der bombastisch auf die Tube drückt und das Stück ungemein sympathisch macht. Die Gitarrensoli, typisch für die Zeit, sind vom Blues inspiriert. "Tips zum Selbstmord", ein markanter Song, ist doppeldeutig gemeint und bezieht sich auf die Verwüstung der Erde durch den Menschen, eines der Leitthemen von Necronomicon. Die hier eingesetzten Schreie tun ihre Wirkung. Das anschließende "Die Stadt" erinnert mich an "Ton Steine Scherben", ist musikalisch aber vielschichtiger. Die 4 Bonustracks haben einen etwas schlechteren Klang, dumpfer und matter klingen die Stücke aber immer noch gut anhörbar. Die Songs sind härter und fetziger, krachen mehr und machen ordentlich was her. Erstaunlich, wie gut die Band die hier ausufernder zu hörenden Instrumentalpassagen zu spielen weiß. Da tut sich was, ist Kraft und Dynamik zu hören. Das umfangreiche Booklet, wie immer bei Garden-of-Delights, geht intensiv auf die Geschichte der Band ein."

März 2013: Besprechung der neuen LP "Haifische": www.ragazzi-music.de